Rezension: Mark Brandis - Lautlose Bombe (Folgenreich/Interplanar)


Am 6. Juli 2012 geht die SF-Hörspielserie Mark Brandis in eine weitere Runde. Das neue Hörspiel trägt den Titel Lautlose Bombe, wird auf zwei CDs veröffentlicht und basiert erneut auf Motiven des gleichnamigen Romans von Nikolai v. Michalewsky. Dieses Mal steht Mark Brandis, Testpilot der VEGA, gleich von mehreren Seiten unter Druck: Während seine Frau nach einem Zwischenfall im Koma liegt, soll Brandis einen Mann aufspüren, der ein neu entwickeltes Virus auf die Welt loslassen will, was verheerende Konsequenzen für Millionen von Menschen hätte. Dass es sich bei dieser Person ausgerechnet um seinen Halbbruder Nat West handeln soll, macht diese Mission für Mark Brandis zu einer besonders persönlichen Angelegenheit. Viel Zeit bleibt nicht, denn natürlich ist auch der Geheimdienst hinter Nat her. Brandis muss seinen Verwandten unbedingt vor den Agenten finden, wenn er verhindern will, dass diese Nat liquidieren.

Die ersten vier Folgen von Mark Brandis, in denen Interplanar den sogenannten Bürgerkriegs-Zyklus erzählte, erschienen ab 2007 bei Steinbach Sprechende Bücher als Einzel-CDs und werden nun, parallel zum neuen Abenteuer Lautlose Bombe, von Folgenreich abermals herausgebracht. Die damalige Situation war für die Macher suboptimal, weil durch die Beschränkung auf maximal 78 Minuten pro Folge sehr viel Material aus den Büchern unter den Tisch fallen musste. Mit Testakte Kolibri wechselte man zu Folgenreich und veröffentlicht die Hörspiele seither in der Regel als Doppel-CDs. Die nachfolgenden Geschichten profitierten deutlich von der verlängerten Spielzeit, inzwischen allerdings scheint sich dieser Segen langsam in einen Fluch zu verwandeln. Kam schon das letzte Abenteuer Sirius-Patrouille mit einem phasenweise recht zähen und langatmigen Plot daher, so kann auch Lautlose Bombe vom Spannungsbogen her nicht immer überzeugen. Mit ca. 103 Minuten ist das neue Hörspiel fast 10 Minuten kürzer als sein Vorgänger, doch weiterhin benötigt man einen deutlich zu langen Anlauf, bis die Geschichte endlich Fahrt aufnimmt.Vierzig der insgesamt achtundfünfzig Minuten der ersten CD vergehen, ehe alle Figuren an ihren Plätzen sind und die Ausgangssituation soweit etabliert ist, dass es mit der Suche nach Marks Halbbruder Nat so richtig losgehen kann. Dann jedoch zieht das Tempo der Handlung stark an und die zweite CD begeistert mit hohem Tempo, ständig wechselnden Handlungsorten und einer Hauptfigur, die im Stile eines James Bond und im Wettlauf gegen die Zeit die Welt erneut vor einer Katastrophe riesigen Ausmaßes retten muss. 

Zunächst muss der Hörer hingegen miterleben, wie Brandis sich mehrfach dem Alkohol hingibt, während seine Frau mit dem Tod ringt. Dies ist nicht nur klischeehaft und wirkt wenig verantwortungsbewusst, sondern demontiert die zentrale Figur der Hörspielserie regelrecht in einer unnötigen Art und Weise. Der Ausflug von Brandis nach Las Lunas bleibt ohne relevante Folgen für den Fortgang des eigentlichen Erzählstrangs und ist daher vollständig verzichtbar, ohne dass maßgebliche Elemente verloren gingen. Dies gilt auch für die Handlung auf Porta Stellaris, die sich daran anschließt. Sie könnte ebenso auf der Erde spielen und entfallen müsste dafür einzig eine Actionsequenz, die jedoch wie ein Remake ähnlicher Situationen aus vorangegangen Episoden wirkt. Der unnötige Schlenker im Plot dauert ca. 13 Minuten, was genau dem Laufzeitunterschied der beiden CDs entspricht. Unterm Strich wäre Lautlose Bombe also problemlos als kompakter 90-Minüter denkbar.

Womit auch schon das Dilemma der Macher beschrieben ist: 90 Minuten passen nicht auf eine einzelne CD, doch anderthalb Stunden Spielzeit sind in den Augen mancher Käufer eigentlich zu wenig für ein Hörspiel auf zwei Scheiben. Vielleicht auch, um sich solcher Kritik nicht aussetzen zu müssen, wurde die Handlung leider gestreckt, um eine Doppel-CD rechtfertigen zu können. Anders ist es kaum zu erklären, dass von Autor Balthasar v. Weymarn, der in der Vergangenheit ein solch feines Gespür für stimmige Spannungsbögen gezeigt hat, hier nicht zugunsten des Erzähltempos zur Schere gegriffen wurde. Wie gesagt, Teil 2 dieses Hörspiels kommt ohne Ballst daher und reißt von der ersten Minute mit. Hier stimmt einfach alles und es bleibt bei aller Action sogar noch Zeit für innere Monologe der Hauptfigur, in denen sie über den Zustand und die Perspektiven der Union sinniert. Parallelen zu den aktuellen Befindlichkeiten innerhalb der EU vor dem Hintergrund der Euro-Krise werden sichtbar. Die Welt von Mark Brandis ist weiterhin von paradiesischen Zuständen deutlich entfernt und unserer Gegenwart in vielen Dingen damit so ähnlich, dass es zwar manchmal wehtut, doch wirkt sie dadurch aber wahrscheinlicher, als andere Zukunftsvisionen, in denen alle Probleme der Menschheit gelöst sind. Dieses Setting macht einen bedeutenden Teil des Reizes dieser Hörspielserie aus, weshalb nicht zu erwarten steht, dass in der nächsten Folge der große Weltfrieden ausbrechen wird. Ganz im Gegenteil, der nächste große Knall scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.

Was den Cast des Hörspiels angeht, so kann auch diese Produktion mit Michael Lott, Dorothea Anna Hagena, David Nathan, Claudia Urbschat-Mingues und Martin Keßler in den Hauptrollen ordentlich punkten. Auf Gerhart Hinze als Harris und Mira Christine Mühlenhof als Bordsystem CORA muss man ebenfalls nicht verzichten. Wichtigster Gastsprecher ist Jacob Weigert, der mit seiner Interpretation der Figur des Nat West einen guten Eindruck hinterlässt. Zudem hat man in kleinen Rollen bekannte Stimmen untergebracht. So schiebt Elena Wilms Dienst in der Anflugkontrolle von Las Lunas und Anke Reitzenstein (Synchronstimme von Jeri Ryan aus Star Trek: Voyager) darf Brandis als Fluglotsin von Porta Stellaris die Leviten lesen. In puncto Schnitt und Sounddesign gibt es wieder einmal keinen Anlass zur Klage, denn erneut wird durchgehend auf hohem Niveau gearbeitet. Mark Brandis konnte schon immer mit einer tollen Atmosphäre begeistern und auch Lautlose Bombe wartet mit einem Klangteppich auf, der den Hörer direkt am Geschehen teilhaben lässt, anstatt ihm die Rolle eines im Abseits stehenden Beobachters zuzuweisen. Jede CD besitzt ein individuelles Cover von Alexander Preuss, im Booklet finden sich Informationen zu einigen Personen der Handlung bzw. zu den politischen Verhältnissen. Da gibt es wirklich nichts zu meckern.


Mark Brandis: Lautlose Bombe ist ein Hörspiel, das eine Weile braucht, um auf Touren zu kommen. Dann dreht es jedoch mächtig auf und weiß sein Publikum gut und spannend zu unterhalten. Allein dem nicht immer stringenten Spannungsbogen ist es geschuldet, dass es sich zwar um eine gute, aber leider nicht herausragende Produktion handelt. Die Sprecherinnen und Sprecher, Schritt und Regie, sowie die Soundkulisse lassen hingegen keine Wünsche offen. Wie die übrigen Folgen der Serie, so ist darum auch Mark Brandis: Lautlose: Bombe trotz der genannten Schwächen eine Empfehlung für alle Fans von Science-Fiction-Hörspielen.


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