Filmkritik: «Suicide Squad» (ab dem 18. August 2016 im Kino)


„Are you out of your cotton-picking mind, Lady?“ Col. Rick Flag war entsetzt. Augenblicke zuvor hatte er im Pentagon das spärlich möblierte Büro einer gewissen Amanda Waller betreten, war von der stämmigen Afroamerikanerin recht frostig begrüßt worden und blätterte nun in den Unterlagen über die ersten Kandidaten für eine Spezialeinheit namens Task Force X, als deren Befehlshaber Flag sich beworben hatte. Der hochdekorierte Offizier war davon ausgegangen, eine Gruppe von Elitesoldaten anzuführen - doch wie er nun feststellen musste, würden es stattdessen Superschurken sein. Mitte der 1980er Jahre zog DC Comics mit der zwölfteiligen Serie Crisis of the Infinite Earths einen Schlussstrich unter eine Kontinuitätslinie, die fast fünf Jahrzehnte bestanden und im Laufe der Zeit einen Superheldenkosmos aus zahlreichen Parallelwelten hervorgebracht hatte. Solch einen Reset, der heutzutage alle paar Jahre vollzogen wird, hatte es bis dato noch nie gegeben, was die Verantwortlichen vor die Frage stellte, wie es von nun an weitergehen sollte. Eine neue Fundierung für das neue DC-Universum musste her, und die Aufgabe, ihm dieses zu verschaffen, übertrug Redakteur Mike Gold dem Autor John Ostrander. Ostrander ersann daraufhin den Sechsteiler Legends, der zum Kernstück eines Crossovers aus fast zwei Dutzend Heften anderer Serien wurde. Und in Legends #1 mit dem Cover Date November 1986 findet besagtes Treffen zwischen Rick Flag und Amanda Waller statt, das die Geburtsstunde jener Task Force X markiert, die nun in Suicide Squad ihr Leinwanddebüt feiert.

Wie in der Comicvorlage, so ist auch im Film von Regisseur David Ayer Amanda Waller (gespielt von Viola Davis) die treibende Kraft hinter der Formierung der Task Force X. Rick Flag (Joel Kinnaman) ist ihr Field Leader und wie ehedem gehören Deadshot (Will Smith), Captain Boomerang (Jai Courtney) und Enchantress (Cara Delevigne) zum Team. Geblieben ist zudem die Prämisse: Die verurteilten Superverbrecher stellen sich im Gegenzug für Haftverkürzung in den Dienst der Regierung und werden in Einsätze geschickt, in denen es mehr als die Fähigkeiten des regulären Militärs braucht. Das Kalkül: Sollten die Mitglieder der Task Force X ihren Einsatz nicht überleben, kann man sie ohne großes Aufheben einfach abschreiben. Paranormale Knackies, die man rekrutieren kann, gibt es immerhin genug. Wallers Angebot nehmen außerdem Harley Quinn (Margot Robie), Killer Croc (Adewale Akinnuoye-Agbaje), El Diablo (Jay Hernandez) und Slipknot (Adam Beach) an. Die Asiatin Katana (Karen Fukuhara) agiert als Flags Bodyguard. Suicide Squad spielt vor dem Hintergrund der Ereignisse in Batman v Superman: Dawn of Justice, die Amanda Waller als Argument dafür dienen, warum die US-Regierung eine Truppe wie die Task Force X unbedingt braucht. Und es dauert auch nicht lange, bis die Direktorin eine selbstmörderische Mission für das Team hat.

Wurde BvS bisweilen vorgeworfen, zu düster, getragen und bedeutungsschwanger zu sein, so muss Suicide Squad derartige Vorwürfe nicht fürchten. Ayers legt einen Söldnerfilm im Gewand einer Comicverfilmung vor, der eher als Gegenentwurf zu BvS daherkommt: Sind die Akteure erst einmal etabliert, geht es temporeich, gradlinig und vor allem auch humorvoll ordentlich zur Sache. Action wird großgeschrieben, die Vertiefung der Charaktere - Deadshot, El Diablo und vor allem Harley Quinn bilden die Ausnahme - hingegen eher klein. Durch letztere kommt auch noch der Joker (Jared Leto) ins Spiel, weshalb ein gewisser dunkler Ritter Ritter aus Gotham da natürlich nicht fern sein kann. Keine Frage: Über einen Mangel an Figuren in diesem Film darf man sich nun wirklich nicht beklagen, und wie bei Marvels Civil War hätten es einige weniger auch getan. Aber selbst für jene Teammitglieder, die tendenziell etwas im Schatten stehen, hält der Streifen ein paar starke Szenen bereit. Will Smith sorgt für positive Ausrufezeichen, denn anstatt den Film aufgrund seines Status als Superstar für sich zu reklamieren, reiht er sich ins Ensemble ein. Natürlich bekommt er immer noch eine herausgehobene Position, doch hat man ihn ja nicht zuletzt auch deshalb geholt, um einen Schauspieler dieses Ranges auf der Besetzungsliste zu haben. Man nimmt ihm die Ambivalenz der Figur Deadshot ab, die gleichzeitig harter Killer und fürsorglichen Vater ist. Jay Hernandez ringt glaubwürdig mit seinen inneren Dämonen und Joel Kinnaman gefällt in der Rolle des Anführers, der irgendwie zwischen allen Stühlen sitzt. Doch die Herren können sich noch so ins Zeug legen: Margot Robbie stiehlt ihnen als unberechenbare, dennoch liebenswerte Harley Quinn problemlos die Schau. Nie war Irrsinn attraktiver, und zusammen mit dem Joker bildet Harley ein teuflisches, brandgefährliches Duo. Jared Leto legt seinen Clown Prince of Crime irgendwo zwischen Jack Nicholson und Heath Ledger an, wodurch es ihm gelingt, eigene und spannende Akzente zu setzen.

Warner Bros. und DC Entertainment haben dieses Jahr mit Batman v Superman: Dawn of Justice und Suicide Squad zwei sehr unterschiedliche Comicverfilmungen vorgelegt: Kam das Aufeinandertreffen der Schwergewichte aus Gotham und Metropolis geradezu episch daher, so wirkt Suicide Squad im Vergleich dazu trotz aller phantastischen Elemente geradezu bodenständig. Eine vernünftige Herangehensweise, die den Umstand widerspiegelt, dass den zwangsweise rekrutierten Mitgliedern der Task Force X eben jene heroische Aura des Überlebensgroßen fehlt, wie sie einen Superman auszeichnet. Dies macht Deadshot und Co nahbarer und lässt die Outcasts trotz ihres kriminellen Vorlebens beim Publikum Sympathiepunkte sammeln. Mit Suicide Squad hat David Ayer eine spannende Comicadaption geschaffen - eine ehrliche Haut, die mit ihrer Mischung aus Action und Humor 120 Minuten temporeich unterhalten möchte. Und weil ihr das auch gelingt, lohnt es, sich diesen Film im Kino anzuschauen.


Suicide Squad läuft seit dem 18. August 2016 offiziell in den deutschen Kinos.

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