Hörspielrezension: «Alien - In den Schatten» (Audible Studios)


Mit seinen Eigenproduktionen hat sich Audible inzwischen als feste Größe im deutschen Hörspielmarkt etablieren können. Nach der Vertonung von Orson Scott Cards Roman Ender's Game im Jahre 2013 widmet man sich nun mit Alien – In den Schatten abermals dem Science-Fiction-Genre. Das Hörspiel basiert auf dem gleichnamigen Roman von Tim Lebbon, hat eine Spielzeit von ca. viereinhalb Stunden und ist seit dem 22. September 2016 erhältlich.

Wenn man Audibles Worten Glauben schenken darf, dann wurde Tim Lebbon, dessen Name inzwischen auf gleich mehreren Dutzend Romanen prangt, bereits viermal mit dem British Fantasy Award und einmal mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet. Ein erfahrener und zugleich erfolgreicher Autor ist er also zweifelsohne. Doch auch solchen Menschen verweigert die Muse gelegentlich ihren Kuss, und bei Lebbon war dies offensichtlich während des Schreibens von Alien – In den Schatten (org.: Alien: Out of the Shadows) der Fall. Um Enttäuschungen zu vermeiden, sollte man als Alien-Fan daher nicht mit der Erwartung bzw. Hoffnung dieses Hörspiel herangehen, Lebbon könnte es gelungen sein, der Thematik neue Facetten abzugewinnen. Denn genau das Gegenteil ist der Fall. Lebbon ist für seine zwischen den ersten beiden Alien-Filmen verortete Geschichte nämlich nichts anderes eingefallen, als sie als eine Art "Best of" von Alien und Aliens - Die Rückkehr zu konzipieren: Statt auf der Nostromo spielen weite Teile der Handlung dieses Mal auf dem Raumfrachter Marion, der im Orbit um den den Planeten LV178 kreist, auf dem sich eine Minenkolonie befindet, von wo aus mit einem Shuttle mehrere Aliens auf die Marion eingeschleppt werden. Doch nicht nur mit den Xenomorphen an Bord des Raumschiffs bekommt es dessen Crew zu tun, sie muss sich auch denen auf LV178 stellen: Da die Marion aufgrund eines Unglücks in absehbarer Zeit in der Atmosphäre des Planeten verglühen wird, ist die Mannschaft um den Chefmechaniker Hooper gezwungen, sich zu Minenkolonie – also quasi in die Höhle des Löwen – zu begeben, um dringend benötigte Ersatzteile zu beschaffen, die man braucht, um noch rechtzeitig ein Rettungsshuttle flott zu bekommen. Unerwartete Hilfe in ihrem Überlebenskampf bekommt die Besatzung der Marion durch Ellen Ripley, deren Fluchtkapsel auf mysteriöse Weise zum Standort der Marion umgeleitet wurde....

Wenngleich Alien – In den Schatten in Sachen Originalität nicht gerade punkten kann, so besitzt die Geschichte dennoch eine ordentliche Portion Unterhaltungswert, da Lebbon ausreichend Spannung aufbaut und es auch an Action nicht gerade mangeln lässt. Er findet einen geeigneten Weg, um Ripley in die Story zu integrieren und am Ende den Plot so aufzulösen, dass er sich anständig in die Alien-Timeline einfügt. Aus den gleichen Gründen versteht auch die seit dem 22 September 2016 erhältliche Hörspielfassung des Romans zu unterhalten. Produziert wurde sie im Auftrag der Audible Studios vom Berliner Studio Xberg im sogenannten Film-Synchron-Modus: Die englischen Dialoge wurden gegen deutsche ausgetauscht, das Sounddesign der vom Briten Dirk Maggs produzierten und geschriebenen originalen Version sowie der Score von James Hannigan blieben vollumfänglich erhalten. Als Konsequenz daraus besitzen beide Fassungen des Hörspiels die gleiche Laufzeit, obwohl die englische Sprache bekanntermaßen deutlich kompakter ist als die deutsche. Die Regie wurde Hauke Hilberg übertragen, der mit dieser Produktion seinen Einstand im Hörspielbereich gibt, nachdem er bislang als Regisseur von Werbespots tätig war. Hilberg leistet saubere Arbeit, wobei er sich auf die Erfahrung gestandener Sprecherinnen und Sprecher wie Dietmar Wunder (Chris Hooper), Karin Buchholz (Ellen Ripley), Bernd Vollbrecht (Ash), Anke Reitzenstein (Kasyanov), Roman Kretschmer (Lachance), Ann Vielhaben (Sneddon), Konrad Bösherz (Baxter) u.a. verlassen kann. Der qualitativ hochwertigen Besetzung gelingt es spielend, die Figuren vor dem inneren Auge des Zuhörers zum Leben zu erwecken, zumal man mit Karin Buchholz die Synchonstimme von Sigourney Weaver aus Alien – Die Wiedergeburt aufbietet. In den Alien-Filmen, zwischen denen sich Alien – In den Schatten einpasst, war zwar Hallgard Bruckhaus die Stimme von Ellen Ripley (und auch in Alien 3 war sie es noch), doch das tut der Sache keinen Abbruch – das Alien-Feeling stellt sich definitiv ein, woran natürlich vor allem Klangkulisse entscheidenden Anteil hat, welche die Atmosphäre der Filme sehr schön einfängt und zu diesem Zweck auch Soundeffekte aus den Streifen übernimmt. Die Musik von James Hannigan hält sich dagegen dezent im Hintergrund und setzt darum keine besonderen Akzente.

Audible gefällt sich darin, auf seine Eigenproduktionen Begriffe anzuwenden, die mitunter verwirrend oder nicht zielführend sind. So spricht man gerne von "ungekürzten Hörspielen", obwohl alternativ gar keine gekürzte Fassung angeboten wird und bei einer Bearbeitung als Hörspiel naturgemäß jede Menge Text entfällt, der in der Romanvorlage enthalten ist – man denke nur an die ganzen Beschreibungen, die im Hörspiel durch Soundeffekte ersetzt und/oder in die Dialoge eingeflochten werden. Alien – In den Schatten bewirbt man nun mit dem Zusatz "die komplette Staffel". Das klingt gewichtig. Und tatsächlich existiert die Möglichkeit, dieses Hörspiel in 10 Teilen mit jeweils ca. 30 Minuten Laufzeit zu erwerben. Doch wer sich für jene Option entscheidet, wählt zugleich den teuerste Möglichkeit, an dieses Hörspiel zu gelangen: Die zehn Einzelkäufe (ohne Abo) summieren sich nämlich auf 29,50 Euro, während für das Gesamtpaket mit 20 Tracks (plus einer PDF-Datei) ohne Abo 19,95 Euro fällig werden. Für Abonnenten fällt die Preisdifferenz sogar noch krasser aus: 27,50 Euro für die 10 einzelnen Kapitel stehen 9,95 Euro bei Komplettkauf gegenüber. Aber für welche Kauf-Variante man sich auch entscheidet, stets erhält man die viereinhalb Stunden lange Adaption des Alien-Romans von Tim Lebbon. Ende. Aus. Wollte man die Produktion also unbedingt mit einem Zusatz versehen, dann wäre "Der Roman als Hörspiel" der treffende. Wo ist das Problem?

An insgesamt drei Romanen, die alle zum offiziellen Alien-Kanon gezählt werden, hat Audible die Vertonungsrechte erworben. Und mit Alien – In den Schatten wurde nun auch in Deutschland der Startschuss zu dieser Trilogie gegeben. Der Eindruck, den diese Produktion hinterlässt, ist dabei recht ambivalent, denn einer überaus konventionellen Geschichte, die anstelle des Beschreitens eigener Wege lieber ehrfürchtig Alien und Aliens – Die Rückkehr zitiert, steht eine akustische Umsetzung gegenüber, die von überzeugenden Sprecherleistungen und einer stimmungsvollen Geräuschkulisse gekennzeichnet ist. Dass es in der Endabrechnung nach einigem Abwägen dann doch zu einer Empfehlung reicht, verdankt Alien – In den Schatten dem Umstand, dass der Gehalt an Spannung und Action groß genug ist, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass inhaltlich deutlich mehr drin gewesen wäre. Hoffentlich kann sich die nächste Adaption in dieser Hinsicht steigern.



Alien – In den Schatten ist eine Produktion des Hörspielstudios Xberg im Auftrag von Audible Studios. Seit dem 22. September 2016 ist es als Download erhältlich.


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Cover: Copyright Audible

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