Hörspielrezension: «H. G. Wells: Das Imperium der Ameisen» (Folgenreich/Universal Music Family Entertainment)


Nach der überaus gelungenen Vertonung des Wells-Klassikers Die Zeitmaschine (ich rezensierte sie hier) vor einigen Wochen bringen Folgenreich und Oliver Döring mit Das Imperium der Ameisen am heutigen Tag nun die Adaption einer weiteren Erzählung des berühmten britischen Autors in den Handel. Ca. 56 Minuten Spielzeit hat das Hörspiel, das auf der Kurzgeschichte The Empire of the Ants basiert.

Der britische Biologe Lukas Holroyd fliegt im Auftrag eines Konzerns nach Südamerika, um das besonders gefährliche Gift einer neu entdeckten Ameisenrasse zu analysieren. Als Stadtmensch und Laborforscher reizt ihn die Aussicht auf schwüle Hitze, faulende, pilzbefallene Biotope und giftiges Getier des Urwalds zwar nicht sonderlich, aber es gilt, die nächste Stufe auf der Karriereleiter zu erklimmen. Selbst dass es seit geraumer Zeit zu dem Forscher vor Ort keinen Kontakt mehr gibt, kann ihn von seinem Unterfangen abbringen – auch dank des sanften Drucks seines Chefs. So reist er nach Loreto, der grünen Lunge Perus. Der mächtige Regenwald am Amazonas erstreckt sich über die gesamte Region und ist eine der am schwierigsten zu erreichenden Gegenden der Welt. Wo sonst als hier könnte sich im Verborgenen eine Spezies entwickeln, die uns die Vorherrschaft auf diesem Planeten streitig machen will? Kapitän Gerilleau soll Holroyd mit seinem Kanonenboot zur Forschungsstation mitten im Urwald bringen. Nicht lange, und sie machen Bekanntschaft mit den Ameisen - und es ist nicht nur das tödliche Gift, das sie zur furchtbaren Bedrohung macht, es ist ihr Plan...

Strukturell verfolgt Oliver Döring bei Das Imperium der Ameisen den gleichen Ansatz wie auch schon bei Die Zeitmaschine: Er orientiert sich vom Ablauf der Geschichte her zwar einerseits stark an der Vorlage, modernisiert den Plot aber gleichzeitig unter anderem dadurch, dass er das Geschehen in eine spätere, dem Hörer zeitlich deutlich nähere Epoche verlegt. So nahm beispielsweise die Geschichte um den Zeitreisenden ihren Ausgangspunkt nicht mehr im Jahre 1899, sondern in den frühen 1970er Jahren. Wann genau sich Das Imperium der Ameisen zuträgt, wird zwar nicht explizit gesagt, doch lässt sich aus dem Stand der Technologie ableiten, dass die Geschichte entweder in der Gegenwart oder zumindest der nahen Vergangenheit angesiedelt ist. Und damit ist sie ein ganzes Stück weit von dem Jahr 1905 entfernt, als die Kurzgeschichte The Empire of the Ants im The Strand Magazine erstmals erschien. Zu den Abweichungen gegenüber dem Ausgangsmaterial gehört darüber hinaus, dass Döring den Handlungsort vom brasilianischen und den peruanischen Teil des Amazonas-Regenwalds verlegt, weshalb Capitan Gerilleau jetzt auch Mitglied der peruanischen und nicht der brasilianischen Streitkräfte ist. Aus dem britischen Ingenieur Holroyd macht Döring zwar einen Biologen, folgt H. G. Wells allerdings dahingehend, als dass die Geschichte aus Holroyds Perspektive erzählt wird. Galt es bei Die Zeitmaschine, so viele Elemente des Romans in das Hörspiel einfließen zu lassen, so stand Döring dieses Mal vor der Aufgabe, die Vorlage inhaltlich zu erweitern, um zu einer Geschichte für ein Hörspiel von ca. einer Stunde Laufzeit zu gelangen. Keine ganz leichte Aufgabe, die Döring jedoch dadurch gekonnt, meistert, indem er aus The Empire of the Ants als einen Öko-Thriller um den vermissten Forscher John Perkins interpretiert, dessen Verbleib von Lukas Holroyd, der als typischer Zivilisationsmensch gezeichnet wird, geklärt werden soll. Den Kontrast zu Holroyd bilden einerseits das militärische Raubein Gerilleu und andererseits Ernest Simpson, der als ständiger Mahner vor den Folgen der wahllosen Zerstörung der Natur durch den Menschen fungiert. Ein interessantes Trio mit Ecken und Kanten, das den Plot gut über seine Laufzeit trägt. Verkörpert wird es von den erfahrenen Sprechern Julien Haggége, Carlos Lobo und Douglas Welbat, die aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung keinerlei Schwierigkeiten damit haben, ihren Charakteren das nötige Profil zu verleihen. Doch auch der Rest des Casts, zu dem u.a. Boris Tessmann als John Perkins gehört, lässt unter der Regie von Oliver Döring absolut nichts anbrennen. Das Sounddesign versetzt den Hörer spielend vom kühlen London ins schwüle Amazonasgebiet und bildet zusammen mit der Musik einen zwar dezenten, aber dadurch nicht weniger eindrucksvollen Rahmen für einen Plot, der von Döring gradlinig entwickelt und zu einem angemessenen Abschluss gebracht wird. Der Antagonismus zwischen Mensch und Natur als zentrales Thema des Hörspiels durchzieht jede Szene wie ein roter Faden und kennt dabei recht unterschiedliche Spielarten, so dass für die Protagonisten eine ständige Bedrohungslage entsteht. Der Regenwald hat Holroyd und Gefolge zwar eingelassen, kann sie aber auch nach Belieben jeden Moment verschlingen. Der Mensch wird geduldet, zu bestimmen hat er hier aber nichts. Eine Situation, auf die sich insbesondere Holroyd nur sehr langsam einstellen kann. Mit seiner bodenständigen Erzählweise, die auf übertriebenen Horror aus Selbstzweck verzichtet, erinnert Das Imperium der Ameisen dabei erfreulicherweise eher an Filmklassiker wie Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All ( 1971) und natürlich Phase IV (1974) als an die reißerischen Tierhorrorstreifen jener Ära und späterer Jahre. Zu denen gehört bekanntlich auch In der Gewalt der Riesenameisen (1977), der – zumindest im Originaltitel –  zwar so tut, als sei er eine Wells-Verfilmung, in Wahrheit aber mit der Kurzgeschichte nicht mehr gemein hat als den Namen. Freiheiten nimmt Döring sich zwar auch, doch lässt er dabei nie den Respekt vor dem Werk von H. G. Wells vermissen, sondern liefert stattdessen nach Die Zeitmaschine erneut einen Beleg dafür, wie zeitgemäß Wells' Geschichten auch heute noch sind, wenn man sie einer wirkungsvollen Aktualisierung unterzieht. Und es ist nicht zuletzt auch diese Qualität im Umgang mit der Vorlage, die Das Imperium der Ameisen sowohl für bestehende Wells-Fans als auch für jene Hörer interessant macht, die mit diesem Autor das erste Mal in in Berühung kommen.  


Mit Das Imperium der Ameisen legen Folgenreich und Oliver Döring ein spannendes Hörspiel mit einer kompakten Spielzeit von ca. 56 Minuten vor, das Wells' Kurzgeschichte als einen Öko-Thriller interpretiert, der sich nicht mit Kritik an der Zerstörung der Welt aus reinem Profitstreben zurückhält und gleichermaßen die Dominanz des Menschen über den Planeten Erde in Frage stellt. Auf diese Weise erschließt Dörings Adaption dem Ausgangsmaterial eine neue Dimension und zeigt dem Publikum ein weiteres Mal, dass Wells' Werke bei Döring in den allerbesten Händen sind. Vorfreude auf den den Dreiteiler Der Krieg der Welten, der als nächstes auf dem Programm steht, ist also definitiv berechtigt. Doch bis es soweit ist, dass die Aliens in ihren riesigen Kampfmaschinen über die Erde herfallen, sollte man es nicht versäumen, vorher auch das Das Imperium der Ameisen kennenzulernen. 


Das Imperium der Ameisen ist ein Hörspiel von Folgenreich/Universal Music Family Entertainment und Oliver Döring. Ab dem 24. November 2017 ist es im Handel erhältlich. 




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